29. Juni 2025 – Start und Ziel in Nauders, Tirol
Vor dem Start – Erwartungen, Erfahrung und Respekt
Noch eine Woche vor dem Drei-Länder-Giro sahen die Wetterprognosen alles andere als gut aus. Regen war angekündigt, kühle Temperaturen, eher „klassisches Alpenwetter“. Entsprechend hatte ich mich mental schon darauf eingestellt. Umso größer war die Überraschung, als sich am Morgen des Rennens in Nauders ein völlig anderes Bild zeigte: strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel und bereits früh spürbare Wärme.
Mir war sofort klar: Das wird keine Material-, sondern eine Hitze- und Ernährungsfrage. Gerade auf der langen Strecke entscheidet nicht nur die Form, sondern vor allem, wie man mit Hitze, Flüssigkeit und Energie umgeht. Genau hier hatte ich mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht. Meine Ernährung hatte ich neu durchdacht und angepasst – ein bewusster Plan, der sich später noch als extrem wichtig herausstellen sollte.
Der Start – hohes Tempo und erste Warnzeichen
Der Start verlief, wie so oft bei großen Radmarathons: extrem schnell. Kaum war der Startschuss gefallen, wurde sofort Tempo gebolzt. Es fühlte sich eher nach einem kurzen Kriterium als nach einem Radmarathon mit vielen tausend Höhenmetern an.
Bereits nach etwa fünf Kilometern dann der erste Schockmoment: links am Straßenrand ein gestürzter Fahrer, sichtbar verletzt, die Sanitäter waren bereits bei ihm. Solche Szenen holen einen sofort zurück auf den Boden der Tatsachen. Mir war klar: Das Rennen ist lang, Risiken gibt es genug – ich nahm bewusst Tempo raus. Besonders auf der leichten Abfahrt Richtung Reschensee hielt ich mich zurück und fuhr defensiv. Sicherheit und ein kühler Kopf waren mir wichtiger als ein paar Positionen.
Stilfser Joch – die Königin der Alpen

Dann kam der erste große Meilenstein: das Stilfser Joch. 48 Kehren, ein Name mit Mythos, Respekt und Geschichte. Ich persönlich finde das Stilfser Joch gar nicht so schwer zu fahren, wie viele behaupten. Ja, es gibt Rampen bis 12 Prozent – aber der Anstieg ist sehr gleichmäßig. Genau das kommt mir entgegen.
Ich fand schnell meinen Rhythmus, fuhr konstant und kontrolliert. Kehre um Kehre arbeitete ich mich nach oben, immer wieder begleitet von diesem einzigartigen Blick auf die Serpentinen, die sich wie ein Band den Berg hinaufziehen. Dieses Panorama ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend – ein Moment, in dem man trotz aller Anstrengung kurz vergisst, wie viele Kilometer noch vor einem liegen.
Umbrailpass – Abfahrt mit Genuss
Nach der Passhöhe folgte die Abfahrt über den Umbrailpass – und hier wartete eine positive Überraschung. Bei meiner letzten Teilnahme 2013 gab es dort noch stellenweise Schotter, was volle Konzentration erforderte. Dieses Mal war alles geteert.
Die Abfahrt ließ sich flüssig und sicher fahren, ohne ständige Vorsicht vor losem Untergrund. Ich konnte es laufen lassen, den Fahrtwind genießen und ein wenig Kraft sammeln – ein echtes Highlight im Rennverlauf.
Ofenpass – der wahre Gegner
Der Ofenpass machte seinem Namen alle Ehre. Für mich ist er der eigentliche Scharfrichter dieses Rennens. Während das Stilfser Joch spektakulär und hoch ist, kommt der Ofenpass zu einem Zeitpunkt, an dem die Beine bereits vorbelastet sind – und genau dann schlägt die Hitze gnadenlos zu.

Die Sonne brannte, die Luft stand über dem Asphalt, Schatten war Mangelware. Man sah viele Fahrer an örtlichen Brunnen anhalten, Kappen nass machen, Wasser über Kopf und Arme schütten. Kurz vor der Passhöhe machte auch ich Halt an einem Dorfbrunnen. Hände und Gesicht ins eiskalte Wasser – ein kurzer Moment, der unglaublich guttat.
Hier zahlte sich meine neu durchdachte Ernährung aus. Ich merkte deutlich: Ich war nicht leer, nicht ausgezehrt, sondern hatte noch Reserven. Genau das hatte ich mir erhofft. Der Ofenpass ist kein Ort für Attacken – er ist ein Ort für kluge Einteilung, Geduld und Erfahrung.
Richtung Norbertshöhe – Gruppe, Rhythmus und Hindernisse
Nach dem Ofenpass fand ich eine richtig gute Gruppe. Das Zusammenspiel passte, das Tempo war gleichmäßig hoch, und wir kamen gut voran. Solche Phasen sind Gold wert – mental wie körperlich.
Was uns allerdings immer wieder aus dem Rhythmus brachte, waren die zahlreichen Baustellenampeln. Mehrfach mussten wir anhalten, minutenlang warten und wieder neu anfahren. Das kostete nicht nur Zeit, sondern auch Körner. Mir war schnell klar: Die Zielzeit von 2013, die ich mir als Orientierung gesetzt hatte, würde unter diesen Bedingungen nicht machbar sein – völlig unabhängig von der eigenen Leistung.
Kurz vor der Norbertshöhe kam eine Verpflegungsstelle. Während die gesamte Gruppe anhielt, entschied ich mich weiterzufahren. Eine kleine taktische Entscheidung – die ich später ein wenig bezahlen musste. An der Norbertshöhe holten mich noch einmal vier Fahrer ein. Das war für mich aber völlig in Ordnung. Ich war längst im Modus „durchziehen, sauber hochfahren, ankommen“.
Norbertshöhe – mit den letzten Körnern
Die Norbertshöhe forderte noch einmal alles. Die Beine waren schwer, die Hitze hatte Spuren hinterlassen, aber ich wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Mit den letzten Körnern kämpfte ich mich nach oben, Meter für Meter.
Und dann: Ziel in Nauders. Erschöpft – aber nicht leer. Genau das war für mich der größte Erfolg dieses Tages.
Ziel & Fazit – Erfahrung zahlt sich aus
Natürlich war die Zeit langsamer als 2013. Aber angesichts der Hitze, der vielen Baustellenampeln und der langen Strecke war das völlig okay. Viel wichtiger: Im Verhältnis von Endplatzierung zu Starterzahl lief es deutlich besser als damals.
Vor allem aber fühlte ich mich im Ziel gut, stabil, zufrieden – nicht völlig ausgebrannt wie bei früheren Teilnahmen. Die neue Ernährungsstrategie ging voll auf.
Der Drei-Länder-Giro 2025 war für mich ein rundum gelungenes Rennen: hart, heiß, fordernd – aber auch wunderschön. Eine hervorragend organisierte Veranstaltung, ein ehrlicher Radmarathon und ein Tag, der mir lange in Erinnerung bleiben wird.
| Streckenlänge: | 168 |
| Höhenmeter: | 2300 |
| max. Steigung: | 12 % |
| Durchschnittsgeschw. | 21,74 km/h |
| Fahrzeit (netto) | 7h:41min |
| offizielle Fahrzeit: | 8h:03min |
| Gesamtwertung: | 743. von 1651 |
| Wertung Altersklasse: | 194. von 433 |




















