Wetterkapriolen auf dem Dach der Tour
Tag 2. Noch hielt sich der Muskelkater zurück, die dunklen Wolken am Himmel nicht. Es sollte später für 3 Fahrer noch wirklich hart werden.
Doch vorerst zurück zum morgendlichen Frühstück, das landestypisch aus Croissants und besonders leckerem Käse bestand. Gut gestärkt ging es in den Tag und ohne viel Federlesen sogleich bergan.
Der Cormet de Roselend stand auf dem Programm und auch wenn Le Flipp gern von dessen Name das „rosige Elend“ herleiten wollte, war er doch wider Erwarten gut zu fahren. Steile Steigungen Fehlanzeige. Ein weiterer Pluspunkt war der atemberaubende Blick auf den Lac de Roselend, einem Stausee, dessen Talsperre 150m hoch misst.
Was folgte war eine der geilsten, wenngleich ziemlich enge Abfahrt nach Bourg-Saint-Maurice. Von da aus wartete der Obermotz von Etappe 2, der Col de l’Iseran, höchster Pass der Alpen!
Wenig optimistisch zeigte sich der Himmel über den 4 Schmalspur-Recken. Da braute sich was zusammen und Flipp drohte schon zu Beginn des Anstiegs mit einem Ausstieg auf halber Strecke in Val d’Isere. Die unheimlich breite
Strasse führte derweil durch mehrere dunkle Tunnel in Richtung des bekannten Skiortes, in dem die alpinen Skiwettbewerbe von Olympia 1992 in Albertville, sowie die Ski-Weltmeisterschaft 2009 ausgetragen wurde. Ca. 2 Kilometer davor machte Claudi mit dem Servicewagen halt. Kurzerhand entschied man den letzten Stopp vor dem Gipfel hierher zu verlegen. Für Corky, Micha und Gerhard hiess es nachtanken und noch den ein oder anderen Riegel einschieben. Flipp hingegen machte ernst und legte die Klickschuhe ab. Wie sich später herausstellte, hatte er den Wetterbericht sehr genau studiert…
Nachdem man Val d’Isere passiert hatte, nahm die Steigung allmählich zu und auf etwa 1900m Höhe begann der Schlussanstieg. Ab hier informierten regelmäßig Hinweistafeln über Distanz und Höhendifferenz bis zum Pass sowie die aktuelle Steigung. Nach einer scharfen Rechtskurve, bei der ein Fluss überquert wurde begann mit einer kurzen Serpentinengruppe der landschaftlich schönste Teil des Anstiegs, allerdings dann auch der Regen. Schnell wurde in die schützende und wärmende Regenkleidung gewechselt. Jedoch währten die Tropfen von oben nur kurz und bald zeigte sich die Sonne wieder. Auch zeigte das ein oder andere Murmeltier am Strassenrand Interesse an unseren Jungs, nur für Fotos hatten sie nichts übrig.
Bei knapp 7% wurden dann auf kurvenreicher Strecke die letzten 250 Hm bis zum Pass überwunden. Als der Gipfel erreicht war, war auch das letzte Korn der Tagesration Energie bei den drei Pedalrittern verbraucht.
Man nutzte den Gasthof um sich zu stärken bei Sandwich und Kaffee. Dann der Schreck. Der Himmel wurde dunkler. Man konnte sagen: „Land unter“ ,da man plötzlich die Hand vor Augen nicht mehr sah. Starker Regen prasselte herab und Nebelschwaden umschlossen die Gipfelidylle. Ausweglos trafen alle eine schwere Entscheidung: Man würde ins Auto steigen und damit weiterfahren. Alles andere wäre zu gefährlich. Schon war man mit umpacken, umziehen beschäftig.
Doch Saint Pierre (französisch für Petrus, Anmerkg. d. Redaktion) hatte ein Einsehen. Der Regen wurde schwächer und auch der Strassenverlauf wurde wieder erkennbar. Spontan wurde entschieden doch per Bike weiterzumachen. Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Flaschen füllen, Gepäck verstauen, noch ein Gel in die Trikottasche und los. Na gut nicht sofort, denn für das obligatorische Gipfelfoto musste noch Zeit sein.
Die Abfahrt entpuppte sich dann auch als wirklich heikel. Auf regennasser, schmieriger Strasse ging es bergab, wobei rechts permanent ein gähnender Abgrund drohte jeden kleinen Fahrfehler gnadenlos auszunutzen und sein Opfer in die Tiefe zu reissen.
Noch sollte jedoch auch mit der Nässe für den Tag nicht Schluss sein. Auf den finalen 40 Kilometern setzte erneuet heftiger Regen ein. Teilweise war es unzumutbar in der Gischt des Vordermanns zu bleiben, deshalb radelten Corky, Gerhard und Micha mit teils grüßeren Abständen gen Modane. Langsam sank die Radllust auf den Tiefpunkt. Pitschnass und mit knurrigen Mienen gelangten dennoch alle bis zum Hotel in Modane, wo man darauffolgend das Zimmer in eine Art Trockenraum verwandelte und den Fön als Schuhtrockner zweckentfremdete.
Zum Abendessen ging es dann in die Pizzeria nebenan. Da war es nicht gerade nobel, aber die Portionen groß und billig. Weit laufen wollte heut keiner mehr. Nach 3 Tagen stellte sich auch heraus, dass Flipp schon fast perfekt corkisch verstand 😉
kurz zusammengefasst:
- Streckenlänge: 146 km
- Höhenmeter: 3670 m
- max.Steigung: 11%
- Zeiten und Geschwindigkeiten gibt es leider keine, da sämtliche Elektronik im Regen den Geist aufgab
